Generationentreff
im Gemeindehaus Sitterswald weiterlesen
Völklingen. Unterhalb der „King Kong“-Statue im „Paradies“ des Völklinger Weltkulturerbes, im Schatten von Pavillons und Begrünung, tummeln sich an diesem Samstag zahlreiche Menschen. Einige festlich gekleidet in Anzug und Brautkleid, andere – angesichts der subtropischen Temperaturen – sommerlich leicht. Manche Paare mit einer Reihe von Gästen im Schlepptau, andere bewusst zu zweit. Alle haben eins gemeinsam: Sie werden an diesem Tag ihre Liebe unter Gottes Segen stellen. Nicht in einer Kirche, sondern inmitten eines saarländischen Kulturgutes. Möglich macht das die Aktion #einfachheiraten, zu der die Evangelische Kirche in der Region Völklingen in Kooperation mit der Völklinger Hütte eingeladen hat.
Auch Susanne und Günter Burg aus Sitterswald an der Oberen Saar warten hier auf ihren Segen. Ein wenig aufgeregt sind sie schon auf das, was sie erwartet. Viel Zeit zur Vorbereitung hatten sie nicht. Erst am Vortag hat Günter Burg zufällig im Radio von der Aktion gehört. „Und weil ich weiß, dass meine Frau auf besondere Dinge steht, die außergewöhnlich sind“, habe er vorgeschlagen, sie könnten das doch zum Anlass nehmen, um sich kirchlich trauen zu lassen. Verheiratet sind sie eigentlich schon lange.
Günter und Susanne, heute 75 und 62 Jahre alt, haben sich später im Leben gefunden, für beide ist es die zweite Ehe. Damals aber, vor 19 Jahren, wäre nach dem Standesamt eine erneute kirchliche Trauung aus verschiedenen Gründen nicht in Frage gekommen. Darum sei die Aktion „eine gute Gelegenheit, das nachzuholen, was uns noch gefehlt hat“, sagt das Paar, das sich selbst als gläubig, aber inzwischen kirchenfern beschreibt. Nun sitzen Sie im „Café Paradies“, haben sich gerade an einem Stand ein kleines Brautsträußchen für ihre Trauung gekauft.
Die Burgs gehören zu mehreren tausend Paaren, die sich am letzten Juni-Wochenende im Rahmen der Aktion #einfachheiraten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) das Ja-Wort geben oder ihre Liebe unter Gottes Segen stellen. Das Konzept: Segen oder Trauung ganz niedrigschwellig für Paare, die sich von dem klassischen kirchlichen Angebot nicht angesprochen fühlen. Die Aktion bietet ihnen ein kompaktes, sehr persönliches Format an einem besonderen Ort. Und: Segnen lassen können sich alle, die möchten, unabhängig vom Familienstand oder der Konfessionszugehörigkeit, denn „Gottes Segen ist für alle da“.
Das betont auch der saarländische Organisator Pfarrer Klaus Köhler von der Versöhnungskirchengemeinde. In Völklingen haben sich die meisten der letztlich 27 Paare vorab für ihre Segnung oder Trauung im Weltkulturerbe angemeldet. Ein paar Absagen habe es gegeben, aber auch mehrere Paare, die sich noch spontan, trotz Hitze, auf den Weg ins „Paradies“ gemacht haben, weiß Köhler. Die Hälfte von ihnen hat sich für eine kirchliche Trauung entschieden, die andere Hälfte für Gottes Segen, zum Beispiel zum Ehejubiläum. Ein Team aus Geistlichen und zahlreichen Ehrenamtlichen kümmert sich darum, dass auf dem Hüttengelände alles reibungslos läuft und alle mit kalten Getränken versorgt werden. Im „Café Paradies“ können sich die Gäste während der Wartezeit erfrischen oder nach der Zeremonie bei Piccolo-Sekt und Hochzeitstörtchen auf die Liebe anstoßen. Das darf für viele trotz Gluthitze nicht fehlen.
Um die Mittagszeit wird es für Günter und Susanne Burg ernst, früher als erwartet. Ein anderes Paar ist abgesprungen, dadurch wurde kurzfristig ein früherer Termin frei. Schon der Weg zu ihrem Trauort bietet Flair. Treppab, treppauf über teils rostige Stahltreppen geht es durch Flächen ungezähmte Natur. Die „King Kong“-Statue bräuchte es nicht, damit Urwaldromantik aufkommt. Am Trauort angekommen erwartet sie der ganze Charme saarländischer Industriekultur. Im Schatten von Hochöfen und Fertigungshallen gibt es erst einmal ein Gespräch mit Pfarrer Horst Gaevert, der die Feier leiten wird. Wie haben sich die Ehepartner kennengelernt, was waren besondere Stationen ihres gemeinsamen Lebens? Ein paar Eckpunkte aus dem Gespräch wird Gaevert in seiner Ansprache hervorheben, die Beziehung des Paars reflektieren.
Die Zeremonie wird so für Günter und Susanne, die ohne Gäste gekommen sind, ganz intim und nahbar. Gemeinsam dürfen sie aus drei bunten Bändern symbolisch das „Band ihrer Liebe“ flechten. Zwei Stränge für das Paar, verbunden mit Gott als Drittem im Bunde. Und natürlich darf nach dem Segen der obligatorische Kuss nicht fehlen. Wie auch viele andere Paare an diesem Tag sind Günter und Susanne berührt. Beim Abschlusslied „Can you feel the love tonight“ aus der Lautsprecherbox fließen Tränen.
„So eine tolle Aktion, um Leute wieder einzubinden, die Vorbehalte gegenüber der Kirche haben“, freuen sie sich. Sie werden an diesem Abend noch die Eltern bzw. Schwiegereltern überraschen – mit Hochzeitsfotos aus der Völklinger Hütte.
Das ist keine Einzelmeinung. Auch insgesamt fällt die Bilanz bei Paaren und Veranstaltern überwältigend aus. Überall frohe, lachende Gesichter. Immer wieder hört man Wertschätzung und Dankbarkeit. Susanne und Oliver Singh aus Saarbrücken, die im Weltkulturerbe ihr fünfjähriges Jubiläum feiern, haben die Aktion genutzt, um nach ihrer Trauung in der Corona-Zeit diesmal gemeinsam mit Freunden ihre Ehe feiern zu können. Ein älteres Ehepaar ist dankbar für die gemeinsame Zeit und hofft mit Gottes Segen auf viele weitere Jahre.
Es sei ein Kraftakt gewesen, die Veranstaltung trotz der Witterung durchzuziehen, aber einer, der sich gelohnt habe, sagen auch die Veranstalter. „Über diese Aktion werden wir noch in 20 Jahre sprechen“, ist sich der Völklinger Pfarrer Klaus Köhler sicher.