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Zum Wegwerfen viel zu schade? Seit 30 Jahren können gut erhaltene Kleidungsstücke bei der Evangelischen Kleiderkammer St. Wendel gespendet werden. Jetzt hat sich die Einrichtung der Kirchengemeinde St, Wendel-Illtal neu erfunden: Nach dem Umzug in die Innenstadt präsentiert sie sich im neuen Gewand – mit neuem Namen und neuem Konzept. Aus der Evangelischen Kleiderkammer wurde der „Anziehpunkt“.
„Der Name kam als Vorschlag vom Team der Kleiderkammer“, sagt Tina Cerovsek vom Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde St. Wendel-Illtal, die Trägerin der Einrichtung ist. Ein Zufallstreffer, könnte man sagen. Denn der neue Name sagt aus, was Laden und Team sein wollen: offen für alle.
Erst im Vorjahr musste die Kleiderkammer ihren langjährigen Stammsitz in der Beethovenstraße aufgeben, da das Gebäude baufällig war und inzwischen abgerissen wurde. Kurzfristig kam die Kleiderkammer in den Räumlichkeiten der Arbeiterwohlfahrt in der Julius-Bettingen-Straße unter, allerdings von Anfang an auf ein Jahr beschränkt. Bei der neuerlichen Suche nach Räumlichkeiten kam dann der Zufall zu Hilfe. Nach dem Umzug der „Silbernadel“-Boutique in die Bahnhofstraße wurde ein Nachmieter für die Räumlichkeiten in der Hospitalstraße 13 gesucht. Die Besitzerin des Ladenlokals war sofort angetan von der Kleiderkammer und unterstützte das Vorhaben ausdrücklich. Sie stellte auch die bisherige hochwertige Inneneinrichtung zur Verfügung, wie das Team verrät.
Boutique-Atmosphäre am neuen Standort
„Sehr glücklich“ seien sie mit dem neuen Geschäft, sagt Monika Loth de Flores, die das derzeit siebenköpfige Ehrenamtlichen-Team des „Anziehpunkts“ organisiert. In den ersten vier Wochen seien sie gut angekommen in der Hospitalstraße und auch die Stammkundschaft habe sich bereits vergrößert.
Das mag an dem zentraleren Standort unterhalb der Domgalerie liegen. Vor allem hat es sicherlich damit zu tun, dass die frühere Kleiderkammer mit der Umbenennung zum „Anziehpunkt“ ein komplettes Make-over erfahren hat. Der Laden erinnert weit mehr an eine Boutique als an ein Sozialkaufhaus. Die Einbauschränke und Vitrinen entsprechen einem edlen Stil, es gibt eine große Fensterfront mit Schaufensterpuppen, eine Garderobe und einen Kinderbereich. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die zum Bummeln einlädt. Zwar gibt es nach wie vor ein Angebot mit Second-Hand-Artikeln aus dem Haushaltsbereich in dezenter Präsentation, doch der Schwerpunkt liegt auf Kleidungsstücken.
Weibliche Best Ager als Kernkundschaft - alle willkommen
Offenbar trifft das Team mit seinem Konzept einen Nerv. Während Nachhaltigkeit, Kleidertauschbörsen und „Slow Fashion“ (also langlebige, nachhaltige Mode) eher mit einer jüngeren Zielgruppe assoziiert werden, zeigt der „Anziehpunkt“, dass dieses Konzept durchaus auch bei Älteren Anklang findet.
Entsprechend sind die Kundinnen, die an diesem Tag die Kleiderkammer aufsuchen, ausschließlich Frauen mittleren oder fortgeschrittenen Alters – Best Ager, wie Menschen ab 50 Jahren bisweilen genannt werden.
Angebot und Nachfrage gehen hier zwangsläufig miteinander einher, denn das Geschäft lebt von gespendeten Kleidern, eben jenen, die viel zu schade zum Wegwerfen wären. Vieles, was in den Regalen und an den Ständern hängt, ist auffallend hochwertig. Das hat seinen Grund.
Eine Dame etwa, die mit zwei großen Taschen kommt, kündigt an, demnächst ins Betreute Wohnen umzuziehen. Weil sie dich dafür verkleinern müsse, spende sie einen Teil ihrer Kleidung dem „Anziehpunkt“. So etwas hätten sie oft, erzählen die Damen des Ehrenamtlichen-Teams. Neben Haushaltsauflösungen kämen auch immer wieder größere Posten an Kleidungsstücken nach Sterbefällen rein. Grundsätzlich könnten aber alle Interessierten gute, tragbare Kleidung, Spielzeug oder Haushaltswaren im Laden abgeben.
Neben Nachhaltigkeit - soziale Ausrichtung bleibt erhalten
Offen für alle ist der „Anziehpunkt“ nicht nur hinsichtlich Spenden, sondern auch bei der Kundschaft. Da es der Einrichtung um Nachhaltigkeit und soziales Engagement geht, können alle Interessierten kommen und einkaufen, es braucht keinen Nachweis der Bedürftigkeit.
Gerade möchte eine Kundin bezahlen. Eine schicke ärmellose Bluse mit schwarz-weißem Muster liegt vor ihr auf der Theke. „Nur zwei Euro?“, fragt sie ungläubig, als ihr der Preis genannt wird. Staunen gäbe es derzeit häufiger an der Kasse, bestätigt Gerda Layher, die an diesem Tag kassiert. „Es kommen auch viele neue Kundinnen“, erzählt sie. Nicht allen sei das Konzept des „Anziehpunkts“ bekannt. Alle Preise sind symbolisch, mehr eine Schutzgebühr als ein Kaufpreis. Wer mehr ausgeben kann und möchte, darf aber gerne eine Spende drauflegen.
Da alle im Laden angebotenen Waren gespendet wurden, ist jeder eingenommene Euro ein Plus in der Kasse. Allerdings kein Gewinn für die Einrichtung selbst. „Alles, was wir hier erwirtschaften, wird an soziale Projekte gespendet“, erklärt Teamleiterin Monika Loth de Flores. Denn auch wenn sich Ort, Zielgruppe und Sortiment deutlich verändert haben, will der „Anziehpunkt“ im Kern den Idealen treu bleiben, mit denen 1996 die Evangelische Kleiderkammer St. Wendel gegründet wurde: Menschen in Not unterstützen.
Info
Der‚Anziehpunkt“ der Evangelischen Kirchengemeinde St. Wendel-Illtal in der Hospitalstraße 13 in St. Wendel (vormals: „Silbernadel“) ist immer mittwochs zwischen 13 und 16 Uhr geöffnet. Während der Öffnungszeiten werden auch Spenden entgegengenommen.